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Nürnberger Ei
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HerrHammer

Erstellt von

HerrHammer

27. Juli 2026DE
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Nürnberger Ei

Eine Uhr, die man am Hals trägt, hat kein Gewicht, das sie antreibt. Sie braucht eine Feder. Und damit beginnt das eigentliche Problem: eine aufgezogene Feder drückt am Anfang stark und am Ende schwach. Die Uhr läuft morgens zu schnell und abends zu langsam.

Nürnberg löste das mit dem Stackfreed — einer Schneckenscheibe mit einer Federrolle, die gegen die Zugfeder arbeitet: viel Gegendruck am Anfang, wenig am Ende. Kein anderer Ort hat das so gebaut. Anderswo setzte sich die Schnecke mit Kette durch, und am Ende gewann sie auch.

Das hier ist Uhrmacherarbeit, keine Bastelei. Wer sie ernst nimmt, baut ein funktionierendes Werk mit Spindelhemmung, Federhaus und Stackfreed — mit einem Zeiger, wie es dem 16. Jahrhundert entspricht.

Experte
60 Stunden

Anweisungen

1

Zwei Werkplatten aus Messing sägen

Zwei runde Platten aus 1,5 mm Messing sägen, Durchmesser 45 mm. Beide zusammen aufreiben und verstiften, damit alle Bohrungen in beiden Platten exakt fluchten.

Materialien für diesen Schritt:

Brass SheetBrass Sheet1 Stück

Benötigte Werkzeuge:

Piercing SawPiercing Saw
Needle File SetNeedle File Set
2

Pfeiler drehen und einsetzen

Vier Messingpfeiler von 8 mm Höhe drehen und die Platten damit verbinden. Der Abstand der Platten bestimmt die Bauhöhe des ganzen Werks.

Materialien für diesen Schritt:

Brass RodBrass Rod1 Stück
3

Federhaus drehen

Ein Federhaus von 22 mm Durchmesser drehen, mit Deckel und Kern. Der Kern nimmt das innere Ende der Zugfeder auf, die Wand das äußere.

4

Zugfeder einsetzen

Eine gehärtete Stahlfeder einlegen und beide Enden sichern. Nur mit Schutzbrille arbeiten — eine Feder, die beim Einsetzen springt, trifft ungebremst.

Benötigte Werkzeuge:

Safety GogglesSafety Goggles
5

Die Schneckenscheibe des Stackfreed schneiden

Eine exzentrische Kurvenscheibe in Schneckenform ausschneiden, mit einer Nut in der Kante für die Rolle. Sie macht während der ganzen Laufzeit genau eine Umdrehung.

6

Zahnrad auf die Schnecke setzen

Ein Zahnrad auf die Kurvenscheibe setzen, das von einem Rad auf der Federhauswelle angetrieben wird. Das Übersetzungsverhältnis legt fest, dass eine Umdrehung der Kurve der vollen Laufzeit entspricht.

7

Federarm mit Rolle anfertigen

Einen kräftigen Federarm mit einer kleinen Rolle am Ende biegen. Die Rolle läuft in der Nut der Kurve: breite Stelle am Anfang, schmale am Ende.

8

Den Gegendruck einstellen

Den Federarm so einstellen, dass er der Zugfeder am Anfang stark entgegenwirkt und zuletzt kaum noch. Genau das ist der Sinn des Stackfreed — die Kraft am Räderwerk gleich zu halten.

9

Räderwerk einteilen und schneiden

Die Räder und Triebe so berechnen, dass der Zeiger in zwölf Stunden eine Umdrehung macht, und die Verzahnungen schneiden. Rechenfehler zeigen sich erst am fertigen Werk.

10

Spindel und Kronrad einbauen

Das Kronrad senkrecht einsetzen und die Spindel mit ihren zwei Lappen quer darüber lagern. Die Lappen greifen abwechselnd in die Zähne — das ist die Spindelhemmung, dieselbe Technik, die seit dem 13. Jahrhundert in Turmuhren steckt.

11

Unruh oder Waag aufsetzen

Auf die Spindel eine Waag oder eine schlichte Unruh setzen. Ohne Spiralfeder hat sie keine eigene Schwingungsdauer — die Gangordnung hängt allein an der zugeführten Kraft, weshalb der Stackfreed überhaupt nötig ist.

12

Zifferblatt mit einem Zeiger

Ein Zifferblatt mit Stundenteilung anfertigen und einen Zeiger aufsetzen. Ein Minutenzeiger wäre bei dieser Ganggenauigkeit eine Lüge.

13

Gehäuse als Dose treiben

Ein zylindrisches Messinggehäuse mit Deckel treiben und den Rand sauber abrichten. Die frühen Nürnberger Uhren sind Dosenuhren — flach zum Tragen am Band, höher als Taschenform.

14

Deckel durchbrechen

Den Deckel durchbrochen sägen, damit die Stunde ohne Öffnen ablesbar ist. Das Muster ist Schmuck und Funktion zugleich.

15

Gang über einen Tag messen

Die Uhr aufziehen und über 24 Stunden gegen eine moderne Uhr messen. Notieren, wie stark sie am Anfang vorgeht und am Ende nachgeht — mit und ohne eingestellten Stackfreed. Der Unterschied ist das ganze Experiment.

16

Geschichte und Zusammenhang

Peter Henlein — und was ihm zu Unrecht zugeschrieben wird. Henlein arbeitete in Nürnberg und stellte um 1505–10 tragbare Uhren her; sein Anteil am Aufkommen der Nürnberger Halsuhren ist unbestritten. Die berühmte „Henlein-Uhr“ im Germanischen Nationalmuseum ist es nicht: die Signatur mit der Jahreszahl 1510 ist eine spätere Fälschung, sie läuft über ältere Kratzer hinweg, und Untersuchungen mit Streiflicht und Computertomographie zeigen, dass viele Teile ursprünglich nicht zusammengehörten. Henlein starb 1542.

Die „Eier“ kamen nach ihm. Die ovale, eiförmige Form der Dosenuhr wird erst ab etwa 1580 verbreitet, die frühesten Stücke stammen um 1550 — also nach Henleins Tod. Er kann der Urheber des Nürnberger Eis nicht gewesen sein, und die populäre Erzählung, er habe es erfunden, ist in diesem Punkt schlicht falsch.

Woher der Name kommt. Wahrscheinlich gar nicht vom Ei. „Eierlein“ entstand offenbar aus einer Verballhornung von „Uhr“ über mittelniederdeutsche Formen wie Aeurlein oder Ueurlein. Eine Rolle spielt dabei Johann Fischarts Rabelais-Übertragung von 1571. Möglich ist also, dass zuerst der Name da war und die ovale Form ihm folgte — nicht umgekehrt.

Drei Bauformen. Im frühen 16. Jahrhundert entstanden in Nürnberg hohe zylindrische Dosenuhren für den Tisch oder den Beutel, flache Dosenuhren zum Tragen an einer Schnur um den Hals, und kugelförmige Uhren in Bisamäpfeln. Die Taschenuhr im heutigen Sinn ist eine spätere Entwicklung — Taschen gab es in der Kleidung noch kaum.

Stackfreed gegen Schnecke. Der Name kommt wohl von starke Feder. Erhaltene Uhren mit Stackfreed datieren etwa von 1530 bis 1640, fast ausschließlich aus dem deutschen Sprachraum. Er erzeugt viel Reibung und verkürzt die Laufzeit erheblich — und wurde nach rund einem Jahrhundert aufgegeben. Durchgesetzt hat sich die Schnecke: ein kegelförmiger Rollenzug mit Kette zum Federhaus, der den Hebelarm mit dem Abwickeln verändert und die Kraft dadurch sauberer ausgleicht. Der Stackfreed ist die Lösung, die verlor — deshalb lohnt es sich, ihn einmal selbst gebaut und gemessen zu haben.

Materialien

2

Benötigte Werkzeuge

3

Materialien verbundener Blueprints

CC0 Gemeinfrei

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